Die Linde im Schloßhof zu Waldheim |
||
| (um 1910) Verfasser unbekannt |
||
| Im Schloßhof zu Waldheim da steht eine Linde, ein großer, ein schöner, ein stattlicher Baum. Er schüttelt die Zweige im säuselnden Winde und blühet und duftet im sonnigen Raum. Geschützt und behütet vor Sturmesgebraus, so ragt über Kirche und Schloß er hinaus. |
||
| Sein Stamm ist gegliedert, stark ist er und mächtig, die Rinde zerissen und Moos ist daran, nicht viel sind´s der Äste, doch streben sie prächtig wie mächtige Pfeiler zum Himmel hinauf. So steht er, ein Zeuge vergangener Zeit, durch Alter und Hoheit uns allen geweiht. |
||
| Schon fast zweihundert Jahre hat er gestanden; sie eilten vorüber ohn´ Ruhe und Rast. Man mußte ihn binden, mit eisernen Banden; zu schwer ward ihm längst schon die eigene Last. Man mußte ihm helfen, dem Schwachen, dem Alten, sonst wäre er längst bis zur Wurzel gespalten. |
||
| Hoch oben im Wipfel, in Zweigen und Blättern, welch munteres Leben, welch fröhliche Lust! Welch Singen und Pfeifen, welch Trillern und Schmettern, aus jubelnden Kehlen, aus heiterer Brust! Dort bauen und nisten die Vögelein klein, und fliegen in Freiheit hinaus und hinein. |
||
| Dort unten am Fuße des Baumes, im Schatten, was wandert so rastlos und traurig umher? Die schwarzen Gestalten, die Glieder, die matten! Die Köpfe von Sorgen und Kummer so schwer! Und Wehmut im Herzen, die Lippen so stumm, die Augen voll Tränen - gehts immer ringsum. |
||
| Sie kommen alltäglich die Luft zu genießen. Da weinet so manches verzagende Herz. Nicht Tränen der Frauen, die leichter wohl fließen, nein, Tränen von Männern in Wehmut und Schmerz. Die fallen zur Erde und dringen hinein; die Wurzeln des Baumes, sie saugen es ein! |
||
| Sie träumen und denken vergangener Zeiten. Sie denken an Eltern, an Liebe und Glück, sie denken an Tugend, an Freuden und Leiden, sie denken an Weib und an Kinder zurück! Da blicket das Auge zum Himmel empor, sieh hoch in den Wolken der Vögelein Chor. |
||
| "O, Vögelein, nimm Grüße an all meine Lieben, und trag´ sie zur Heimat ins friedliche Tal, und frage, ob hold sie und treu mir geblieben, und grüße von mir sie viel tausendmal!" Den Vöglein und Wolken nach sehnt sich der Blick; dann kehret er weinend zur Erde zurück. |
||
| Doch klagende Seele, du darfst nicht verzagen! Verliere dich nicht im erschlaffendem Traum! O, siehst du die Zweige nicht himmelwärts ragen? So nimm dir zum Vorbild und Sinnbild den Baum, und strebe nach oben, zur Sonne, zum Licht, im Glauben und Hoffen sei treu seiner Pflicht. |
||
| zurück |